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"Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß. Mit dem Wissen wächst der Zweifel." (J. W. Goethe)

Änderungsschneiderei Krasse Zeiten Wenn mich jemand fragt Versuch über die Bewertung Ohne Titel Disput Trotzdem Leben

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Änderungsschneiderei (2003)

Ich komme gerade von der Schneiderin,
der Änderungsschneiderei, hier, nichtmal hundert Schritte sind's bis zu der Tür mit den tausend Glocken.

Ich traf, beim Abholen meiner
Hosen nicht nur die Schneiderin, die Änderungsschneiderin, wie sie immer dasteht, höflich, still, unsichtbar, in Eile,

ich traf auch eine andere
Asiatin, ihre Schwester wohl, schön, aufgeregt, innerlich bebend, zornig, mit irrendem Blick.

Lächelnd empfing mich die
Schneiderin, behend wie stets, einem ein schlechtes Gewissen verursachend durch ihre unterwürfige Schnelligkeit, nur

war Angst in ihren Augen,
Angst vor der schönen Schwester, die, in gebrochenem Deutsch, beginnt, laut, bestimmt, heftig,

die Schneiderin, welche still lächelt,
zu bezeichnen, zu verurteilen, anzuzeigen, 'chon geschieden', 'schlechte Mensch, sehr schlecht',

'meine Schwesta, schlechte, nix gut', schreit;-
'In Asie, Vater wichtig, Mann wichtig, dann Kind, dann Frau, ganz unten, Frau unten, NIX wichtig!',

vor Vernichtungswillen bebend, stierend, erregt, mich,
der ich meine Hosen haben will, zum Zeugen bestimmend, zur Waffe machend, ich verletze durch Anwesenheit

ihre Schwester, die Schneiderin, die doch meine Hosen
so schnell und schön und lautlos nähte, ich schlage Wunden, quäle, durch den Mund der schönen Schwester,

will weg, stammele "sind aber gut geworden, die Hosen", flüchte, fürchte
um die Schneiderin, die Änderungsschneiderin, der ich doch nicht mehr geben kann als 14 Euro und

Gedanken die sie nicht ahnt.

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Krasse Zeiten (2001)

Die meines Lebens meine ich natürlich.
Plural oder Singular? Zeit oder Zeiten?
Kontinuität im Ichsein? Siddhartha's Change?

Ich mag HipHop.

Weil er so schön zerstückelt -=-da rockwilder-=- täuscht er Dich nicht
mit sinnlosen Sinnfragen in einer gebrochenen Welt, der man alles andichten kann.

Die sich nicht wehrt, da es sie nicht gibt.

Die Welt ist alles, was der Fall ist. Ich glaube nicht an die Freiheit, ich glaube
an die Unschärferelation, die Unendlichkeit im Geflecht der komplexen Abläufe.

Der Abläufe? Teleologie?

Der Wechsel. Der Existenzen. Der Wechselwirkungen.

Es liegt Schönheit in der Betrachtung dieser Welt, ihrer Abläufe. Wozu ein Gegenentwurf?

Bist Du wichtig in dieser Welt?

Du bist es...in der Verantwortung für das weitere Betrachten. Im Zulassen des Betrachtens.
Im Offenhalten der Zukunft. Im Nicht-Definieren des Anderen.

In der Schönheit des Staunens liegt die letzte Transzendenz.

Sie wird mit ihrem Schöpfer -=-whateva man-=- verpuffen.

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Wenn mich jemand fragt (2000)

Wenn mich jemand fragt, warum ich Philosophie studiere, so fange ich meist an zu stottern. Bekomme Phrasen in den Kopf, versuche verkrampft, ernsthaft, überlegen, rational zu erläutern, warum ich etwas studiere
von dem ich nicht sagen kann
was es ist.
Von dem ich nicht sagen kann, ob es mich weiter - vorwärts - bringt, bringen kann.
Von dem ich letzteres nicht glaube.

Philosophie ist die Wissenschaft der Enttäuschung. Die der Privation.
Nicht-konstruktiv.

Ich studiere Philosophie weil ich nicht im Nebel leben kann.
Weil mir dieser die Luft zum Atmen nimmt.
Doch nicht Wärme und Geborgenheit oder Wahrheit im Wissen ist es, was die Philosophie an die Stelle des Nebels zu setzen in der Lage ist. 

Eine Wahrheit bietet sie.
Eins leistet sie - und nur sie.
Sie vertreibt den Nebel, der in Worten wie Wahrheit liegt.
Sie vernichtet das, was ich glaube.
Sie befreit.
Ohne Sicherheit vor dem zu bieten, was mich erwartet, schält sie mich aus dem Kokon meiner Gewissheiten.

Sie entlässt den Mensch (so er dazu bereit ist) aus dem Nebel seines verwirrten kleinen Gehirns in die kalte Wüste des Erkennens. 
Nicht der Erkenntnis, wohlgemerkt.

Fahrig und nackt entläßt sie dich. 
Sie verneint ohne Polemik, ohne Ideologie, ohne irrationalen Glauben, ohne Zweifel...

...und überläßt dich eben diesem.

Dem Zweifel.

"Und deswegen studierst du Philosophie?"

...

 

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Versuch über die Bewertung (1999)


-Ist es arrogant zu nennen wenn ich Unterschiede konstatiere - und damit bewerte?

-Ja. Usus ist die Bewertung aufgrund von Unterscheidungen und Einteilungen in Gut und Böse, wahr und falsch, besser, schlechter. Und dieses Faktum birgt grundsätzlich-menschliches, denke ich: Das diese-Kategorien-nicht-verlassen-können ist eine Hauptursache für die Vernichtung von Solidarität, Freundschaft und Freude.

-Gleichwohl gilt es hervorzuheben, daß das Erkennen des Menschen grundsätzlich mit diesen Einteilungsvorgängen zusammenhängt und somit also auch Begriffe wie Solidarität, Freundschaft und anderes Positives hervorbringen konnte.

-Vielleicht ein Traum, vielleicht unmöglich, doch stell' Dir einmal die Weite und den Horizont eines Lebens vor, welches die Dinge sehen und erfahren kann, sie sich vergegenwärtigen kann, ohne zu urteilen, ob dies nun negativ oder positiv ist.

-Ich denke der menschliche Geist an sich ist eine Anhäufung von Urteilen, von Kategorien und überzeugungen - und das notwendigerweise. Wie stellst Du Dir die Politik eines solchen Geschlechtes (gib zu, du hast Nietzsche im Kopf) vor, wie das Zusammenleben einer Gemeinschaft, welche zu beurteilen, ob diese oder jene Entwicklung gut oder schlecht für ihren Werdegang, ihre Zukunft sei, nicht mehr in der Lage ist?

-Gar nicht, dazu bin ich nicht in der Lage. Aber stellen wir dem Erkennen als Problem die Arroganz der Bewertung - arrogant, da sie, wie wir spätestens seit Kafka wissen, niemals objektiv sein kann - bei und verstricken den geplagten Menschen jeden Tag auf's Neue in unabwendbare Schuld...wir vergeben die Möglichkeit (das Potential) des Menschen wahrhaftig, in Glück, zu existieren - und das kampflos.

-Du willst also erzählen, deine Ideen seien Kampf gegen die kampflose Aufgabe einer wahrhaften menschlichen Existenz? Kampf gegen die Passivität des Konstatierens einer unabwendbaren Schuld des Menschen in seinem Erkenntnisvorgang? Das ist, um einmal zu werten, Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen. Eine irreale Möglichkeit vergibt man nicht, k a n n man nicht vergeben - da sie nicht existieren kann.

-Was habe ich als Mensch für eine Chance zu agieren? Welche Handlungsspielräume besitze ich? Was, um es so zu formulieren, liegt in meiner Macht? Liegt es in meiner Macht, den immer abstrakter werdenden menschlichen Beziehungen etwas entgegenzusetzen? Kann ich, coming to the point, trotz der Erkenntnis mich selbst zu widerlegen, in jedem Satz so viele Wertungen zu haben, das ich fürchten muß, sehr lächerlich zu klingen, die These vertreten, eine nicht wertende Gesellschaft würde besser leben? Und welche Konsequenzen hat dies?
Ist es nicht genau das eine, das letzte, das eigentliche Potential des Menschen - das 'Trotzdem' der menschlichen Existenz, welche in sich einen Anspruch, einen Drang nach dem Guten verspürt und es doch tagtäglich, wie toll, wieder zerstört, alles zerstört - ist dieser Widerspruch, dieses: "Ich gebe die Anregung obwohl ich um ihre Widersprüchlichkeit weiß, einfach weil ich sonst selbst meinen letzten Lebenszweck und -sinn verlieren würde" nicht die Art und Weise allen menschlichen Lebens?

-Ich sehe es anders, unpolemischer, ja: praktischer. Ich denke die menschliche Existenz ist in sich fehlerhaft, holprig, ja: bösartig zu nennen. Der Weltgeist, der vernünftige Mensch in seinem guten Streben (und an seinen guten Tagen) sollte durch klares Benennen und Darstellen, somit Werten und Einschätzen, negativen Einflüssen und Entwicklungen ihre Schärfe zu nehmen versuchen.

-Nun, und ich denke, daß es für den 'Weltgeist' keine größere Bedrohung und Einengung geben kann als Begrifflichkeiten wie Gut, Böse, wahr und falsch. Die Erkenntnis der fehlerhaften menschlichen Existenz führt Dich nämlich nicht zu der Erkenntnis der Fehlerhaftigkeit jedweder menschlichen Bewertung.

-Das stimmt nicht ganz, ich glaube nicht an das Absolute in diesem Fall. Ich denke jede äußerung über Wahrheit und Unwahrheit ebenso wie alle äußerungen über Gut und Böse sind Annäherungen an ein Ideal, welches nie erreicht werden kann.

-Das entschärft nicht was ich gesagt habe. Die Subjektivität des Erkennens - du siehst was du weißt - geht einher mit der Subjektivität der (Be-)Wertung - und dies ist in seiner sozialen und ethisch-moralischen Dimension die Quelle vielerlei Leides. Vielleicht ist es schizophren, diskursiv an die Bewertung, an das Gut und Böse der Bewertung zu gehen. Auf jeden Fall aber ist es die einzige Möglichkeit ('für mich' meinetwegen) etwas querzustellen, zu hinterfragen, anzustrengen. "Der Logik spotten, wenn sie gegen die Menschheit ist!" riet schon Adorno - Ich spotte!

-Eigentlich geht es auch nicht um das Gut und Böse der Bewertung - es geht, denke ich, viel eher um das Zutreffen einer gefassten Meinung - um die Möglichkeit einer objektivierbaren, übergeordneten und von Menschen erfassbaren Wahrheit, oder?

-Das ist wieder einmal typisch, Du willst Symptome kurieren aber keine Krankheiten heilen. Würde sich jeder Mensch so verhalten wie Du es propagierst, nämlich zu jeder gefassten Bewertung das Subjektivierende, damit oberflächlich objektivierende "für mich ist es so" dazugeben, so wäre zwar ein wohl insgesamt höflicherer, nichtsdestotrotz das Problem jedoch immer noch inhärent habender Ton und Umgang der Menschen zu- und miteinander an der Tagesordnung.
Sinnvoll wäre es viel eher, die Existenz als Moment, als Tatsache im persönlichen Erkenntnisvorgang primär zu gewichten und sich überdies bei jeder Wertung stets ihre Subjektivität vor Augen zu halten - und somit die Bewertung für sich selbst sozusagen unattraktiv zu machen.

-Hm. Deine unwilligen "Werter" müßten dann jedoch auch in der Lage sein, aus der Existenz der Dinge notwendige Handlungsmuster abzuleiten. Glaubst Du wirklich, dazu wäre jeder in der Lage?

-Ich hoffe es - mehr kann ich nicht tun. Auch vertraue ich in dieser Beziehung auf den Herdentrieb der Menschen, wissenschaftlicher ausgedrückt auf gruppen- und gesellschaftsdynamische Prozesse welche denen ohne Orientierung die Kopie der Handlungsschemata anderer ermöglichen - diese Prozesse wirken heute ja auch.

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Ohne Titel (1999)

Nein.
    Verlange ich zuviel?
        Will ich Nicht-Mögliches?

Ich.
Meine Gefühle, mein Verstand,-
(meine Seele?)
was ich will? Was ich zum Leben brauche?
Davon weiß ich nichts.
Ich weiß nur von meinen Tränen
auf dem Heimweg.
Weiß wie ich die Nacht anstarre
als könne sie mir geben
was ich verloren habe.

Die Nacht.

Eines Tages wird sie mich mitnehmen.
Was will ich also? Wohin soll ich gehen?
Wie mich verstecken, fliehen?
Ich weine zu oft als das ich 
noch
ernst genommen würde
wenn ich von Händen
träume
die mein Gesicht umfangen
von Küssen
die mich verzweifelt verstehen
von einem Mensch
der mir unter Tränen sagen kann
"Vergiß die Zeit."

Könnte ich doch weinen ohne Schuld.
Würde ich doch nicht höhnend neben mir stehen
bei jeder Träne die mir die Welt abquetscht.

Ich bin weder der Einzige, noch der Erste oder der Letzte.
Ich bin einer unter allen, einer der Vielen.
Und doch weine ich 
nur
für
mich.

Und doch schreie nur ich
mit meiner Stimme
nach Dir,
der Ersten, Einzigen und Letzten
die mit mir weinen konnte.

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Disput (1997)

Es ist so grausam zu zweifeln. Wo ist sie hin, meine Treue, mein Glaube, mein Befürworten des Nebels?

Vergangen ist diese Zeit - jedoch die Schuld liegt nicht bei Anderem. Höchstselbst warst du es doch, welcher das Antlitz verzogen im Angesichte dessen, was du nun vermißt!

Vermissen ist das richtige Wort, jedoch glaube ich, das es nicht klar ist, was ich denn überhaupt vermisse. Denn falsch liegt, wer glaubt, ich misse die Liebe oder das Gefühl. Nicht verstockt - gefühlskalt bin ich geworden, nein, immer noch erfühle ich die Welt in jenem, früherem Maße.

So ist es mehr die Dumpfheit des Romantischen, welche du nun in deinem aufgeklärten Köpfchen von humanistischen Liebestötern gefressen vorfindest? Ist es das, was du vermißt?

Ähnlich, und doch noch profaner. Ich vermisse den Glauben an das universelle Weltbild, das Vertrauen in die auf eigene Art und Weise schmerzlich - revolutionäre Vorstellung von Weisheit durch Erfahrung. Denn Weisheit vermittelte es, wenn auch auf fragwürdigen Hintergründen.

Also ist die Liebe fragwürdig geworden? Das mußt du begründen.

Nicht die Liebe ist das fragwürdige Element, der Glaube an die Liebe als Universum und Urpotential der Weisheit erscheint mir merkwürdig flach geworden.

Nun, so ganz von oben herab...

Nicht von oben herab, aber von draußen herein - absolut unreligiös gesehen, um deine nächste Frage zu beantworten.

Tja, außerhalb des Dunstkreises der Befangenheit urteilt es sich gerechter. Doch waren da nicht ewige Schwüre, "Gefühle von solcher Kraft, daß sie niemals vergessen werden können"?

Ja, die gab es, und es fällt schwer über sie zu reden. Denn sie zu benennen hieße sich zu dem dogmatisch-romantischen Weltbild, in dem ich sie aufnahm, zu bekennen, glaube ich.

Du meinst du hattest die Beweise für ein Ultimativum der Gefühle doch du unterdrückst sie durch das Unterlassen ihrer Ausformulierung? Du willst Dich nicht zu ihm bekennen?

Nein, ich unterdrücke kein Gefühl durch Schweigen, doch fällt es mir schwer, mich zu meinen damaligen Vorstellungen zu bekennen. Ich erlebte Dinge von gewaltiger Intensität; sie ausdrücken zu wollen hieße die Sprache eben jenes Weltbildes zu benutzen - in Ermangelung von Alternativen.

Die Sprache ist also ungenügend in Bezug auf die Formulierung von Wahrheit. Damit implizierst du doch ein Parteiergreifen des Wortes im Sinne der Romantik, deines romantischen Weltbildes, da man eben jene Gewalt nur "falsch" ausdrücken kann.

Auch hier muß ich Dir widersprechen. Nicht "falsch" würden diese Erlebnisse wiedergegeben, sondern in voller, exakter "Wahrheit" - von eben diesem Standpunkt aus.

Und dieser Standpunkt, von dem du redest - ist der nun falsch oder richtig, gar undefinierbar?

Falsch ist es nur in solcherlei Bewertungsformen zu philosophieren. Allein von meinen Zweifeln kann ich reden, von all dem Verlorenen.

Du redetest von Weisheit die dieses "Gefühl für das Gefühl" mit sich brachte. Wie erklärst du dir die Ableitung von Negativem aus der Masse des unbeschreiblich Schönen?

Nun, ich muß mich präzisieren: falsch ist nicht das Element, auch erzwingt nicht die gleichzeitige Betrachtung aller Elemente notwendig die Unwahrheit. Doch ich befürchte Schädliches in der Betrachtung des Komplexes, des uniform-gepreßten Ganzen, welche zwingend Ableitungen - die in ihrer Eigenart als Folgerungen eines Weltbildes prägend auf dein Leben wirken - folgen läßt.

Also von vorne: Du bedauerst die, deiner Ansicht nach gerechtfertigten Zweifel am Glauben der ultimativen Weisheit der romantischen Idee oder deren Ableitungen, welche, trotz der Wahrheit der Elemente, aufgrund der ihnen eigenen Beschaffenheit als Ableitungen eines ebenfalls - aus einem Moment der Liebe - abgeleiteten Weltbildes, folglich falsch und irreführend sind. Ist es so richtig?

So ungefähr.

Nun, kannst du dieses Bedauern erklären? Müßte nicht eher die Freude des illuminierten Kopfes erstrahlen? Immerhin bist du den Fängen der Unwahrheit entkommen, erkanntest und wähltest das Licht.

Das ist schwer zu sagen - immerhin wird dieses Bedauern von einer nicht zu kleinen Portion Irrationalität begleitet. Doch im eigentlichen Sinne des Wortes würde ich dieses Bedauern nicht irrational nennen; es ist eher ein menschliches, triebhaft verankertes Sicherheitsbewußtsein des Geistes - auch des rationalen.

So gesehen ist Selbstbewußtsein - bzw. das Fehlen des selbigen in Anbetracht des Fehlens einer Welterklärung - der tiefere Grund für eben dieses Bedauern.

Kaum, da sich solcherlei Selbstbewußtsein, wenn es denn existieren sollte - woran ich nicht glaube - immer nur im Vergleich zu anderem lohnen würde. Doch was nützt der Vergleich persönlicher Weltbilder welche nur für den Einzelnen, als geistige Konstrukte, Handlungsstützen und -motive sind?

Kaum etwas im Sinne des Geistes. Doch was ist mit der Eitelkeit? Kampf der Weltbilder, gestellt unter das Motto: "Lieben kann jeder - denken nur einer!" zur selbstreferenziellen Befriedigung nichtrationaler Bedürfnisse?

Ich meine mit diesem Bedauern nicht das jenige der fehlende Sicherheit seines Weltbildes über andere Weltbilder und damit einhergehend das Wechseln desselben aus Erkenntnis vom "verlorenen Posten" im Sinne der Egozentrik. Vielmehr ist das Bedauern auf das Verschwinden des Sicherheitsbewußtseins, daß man auf dem richtigen Weg sei, zurückzuführen, weniger noch auf ein Verblassen und ein Dahinsiechen von Ideen, Werten und Idealen als auf das leise, unmerkliche Auftreten des Zweifels an sich selbst, an Dingen die man getan und Worten die man gesprochen hat. überdies ist das Bedauern nicht mein Hauptanliegen.

Ist dieses "Verschwinden des Sicherheitsbewußtseins" nicht genau das, was ich gerade eben konstatierte??!?

Nein. Es ist persönliche Trauer, subjektive Wahrheit, wieder hat sich ein Halt in Luft aufgelöst und du fällst in Leere dahin zwischen den Anfeindungen des Lebens. Es will nicht vergleichen, dieses Bedauern. überdies möchte ich nicht primär mein subjektives Bedauern mitteilen, sondern die objektiv-philosophischen Aspekte dieser Erkenntnis vermitteln.

Dafür bedauerst du aber ganz schön viel... Und überhaupt: Wie soll man denn nun den Begriff "subjektive Wahrheit" verstehen? Gibt es denn, deiner Ansicht nach, gleich mehrere Wahrheiten?

Dies soll keine Mengenangabe beinhalten. Man muß jedoch zwischen der subjektiven, gefühlsbegründeten, und der, durch Fakten und logische Konsequenz begründbaren, objektiven Wahrheit zu unterscheiden in der Lage sein.

Es ist äußerst gefährlich, von "subjektiver" Wahrheit zu sprechen, sie in diesem Sinne abhängig zu definieren. Ist Wahrheit nicht viel eher der vernünftige Faden, welcher uns lenkt, der Sinn und der Antrieb aller Bestrebungen menschlichen Seins? In diesem Sinne immer objektiv?

Schon, doch du gehst von einem einseitigen Standpunkt aus. Wahrheit ist vielschichtiger. Hermann Hesse hat in seinem Roman "Das Glasperlenspiel" Josef Knecht sagen lassen:

ZITAT

"Um euch ein Beispiel für diese privaten Assoziationen zu geben, welche ihren privaten Wert dadurch nicht verlieren, daß sie im Glasperlenspiel unbedingt verboten sind, erzähle ich euch von einer solchen Assoziation aus meiner eigenen Schülerzeit. Ich war etwa vierzehn Jahre alt, und es war im Vorfrühling, im Februar oder März, da lud ein Kamerad mich ein, eines Nachmittags mit ihm auszugehen, um ein paar Holunderstämmchen zu schneiden, die wollte er als Röhren beim Bau einer kleinen Wassermühle benutzen. Wir zogen also aus, und es muß ein besonders schöner Tag in der Welt oder in meinem Gemüt gewesen sein, denn er ist mir im Gedächtnis geblieben und hat mir ein kleines Erlebnis gebracht. Das Land war feucht, aber schneefrei, an den Wasserläufen grünte es schon stark, im kahlen Gesträuch gaben Knospen und erste aufbrechende Kätzchen schon einen Hauch von Farbe, und die Luft war voll Geruch, einem Geruch voll Leben und voll Widerspruch, es duftete nach feuchter Erde, faulendem Laub und jungen Pflanzenkeimen, jeden Augenblick erwartete man schon die ersten Veilchen zu riechen, obschon es noch keine gab. Wir kamen zu den Holundern, sie hatten winzige Knospen, aber noch kein Laub, und als ich ein Zweig abschnitt, drang mir ein bittersüßer, heftiger Geruch entgegen, der alle die anderen Frühlingsgerüche in sich gesammelt, summiert und potenziert zu haben schien. Ich war ganz benommen davon, ich roch an meinem Messer, roch an meiner Hand roch an dem Holunderzweig; sein Saft war es, der so aufdringlich und unwiderstehlich duftete. Wir sprachen nicht darüber, aber auch mein Kamerad roch lang und nachdenklich an seinem Rohr, auch zu ihm sprach der Duft. Nun, jedes Erlebnis hat eben seine Magie, und hier bestand mein Erlebnis darin, daß der kommende Frühling, schon beim Gehen über die feucht schwappenden Wiesenböden, beim Duft der Erde und Knospen von mir stark und beglückend empfunden, sich nun im Fortissimo des Holunderduftes zu einem sinnlichen Gleichnis und einer Bezauberung konzentrierte und steigerte. Vielleicht hätte ich, wenn dieses Erlebnis für sich allein geblieben wäre, diesen Geruch niemals mehr vergessen; vielmehr, jede künftige Wiederbegegnung mit diesem Geruch hätte mir wahrscheinlich bis ins Alter stets die Erinnerung an jenes erste Mal aufgeweckt, da ich den Duft bewußt erlebt hatte. Nun kommt aber noch etwas Zweites hinzu. Ich hatte damals bei meinem Klavierlehrer einen alten Band Noten gefunden, der mich gewaltig anzog, es war ein Band Lieder von Franz Schubert. Ich hatte darin geblättert, als ich einmal etwas lange auf den Lehrer warten mußte, und auf meine Bitte hatte er ihn mir für einige Tage geliehen. In meinen Freistunden lebte ich ganz in der Wonne des Entdeckens, ich hatte bis dahin nichts von Schubert gekannt und war damals ganz bezaubert. Und nun entdeckte ich, am Tage jenes Holunderganges oder am Tage nachher, Schuberts Frühlingslied >Die linden Düfte sind erwacht<, und die ersten Akkorde waren für mich wie ein Wiedererkennen: diese Akkorde dufteten genauso wie der junge Holunder geduftet hatte, so bittersüß, so stark und gepreßt, so voll Vorfrühling! Von jener Stunde an ist für mich die Assoziation Vorfrühling - Holunderduft - Schubertakkord eine feststehende und absolut gültige, mit dem Anschlagen des Akkords rieche ich sofort und unbedingt den herben Pflanzengeruch wieder, und beides zusammen heißt: Vorfrühling. Ich besitze an dieser privaten Assoziation etwas sehr Schönes, etwas, das ich für nichts hergeben möchte. Aber die Assoziation, das jedesmalige Aufzucken zweier sinnlicher Erlebnisse beim Gedanken >Vorfrühling<, ist meine Privatsache. Sie läßt sich mitteilen, gewiß, so wie ich sie euch hier erzählt habe. Aber sie läßt sich nicht übertragen. Ich kann euch meine Assoziation verständlich machen, aber ich kann nicht machen, daß auch nur bei einem einzigen von euch meine private Assoziation gleichfalls zu einem gültigen Zeichen, zu einem Mechanismus wird, der auf Abruf unfehlbar reagiert und stets genau gleich abläuft."

Ein wunderschönes Gleichnis des Unterschiedes zwischen verschiedenen Wahrheiten, findest du nicht?

Ich verstehe deine Argumentation nicht. Hesse unterscheidet klar zwischen der legitimen und der illegitimen Assoziation, etwas, wozu du jedoch anscheinend nicht in der Lage bist. Du leitest die "objektiv-philosophischen Erkenntnisse" aus dem subjektiven Zweifel an deinem, zugegebenermaßen höchst zweifelhaften, ehemaligen Weltbild ab. Oder interpretiere ich dich jetzt falsch?

Vielleicht ist dir dieser Komplex durch ein Beispiel besser zu verdeutlichen. Ich bilde mich, wie jeder andere Mensch, tagtäglich fort. Ich lerne Zusammenhänge, durchschaue Unwahrheiten, setze also mit fortschreitendem Geist meinem Bewußtsein immer weiter gesteckte Grenzen. So sollte man meinen. Doch mit eben jenem fortschreitendem Geist wird einem auch im fortschreitendem Maße die eigene, geistige Unzulänglichkeit bewußt und man fängt an, Gefestigtes zu hinterfragen. Stimmt denn alles Gelernte, alles Erkannte in dem Maße wie bisher angenommen? Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich zum ersten, großen Mal das tödlich schöne Gefühl der Liebe in mir fühlte. Sogleich ward mir bewußt: Das ist das Einzige, das Erste und das Letzte, der tiefere Hintergrund und Schlüssel zu allem Lebendigen. Es ist das Absolute, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt. So dachte ich und erkannte diese Wahrheit.

Du sprichst im Präteritum. Ist dieses Denken also im Laufe der Zeit untergegangen; ist es nicht vielmehr dieser, ja, fast alltäglich zu nennende Prozeß des (An-)Erkennens der Vernunft, den Du uns hier episch zu berichten versuchst?

Es ist die Mitteilung eines Bedauerns, einer traurigen Ratlosigkeit, welche mich seit Anbeginn des Zweifelns beschlichen hat. Und um deine erste Frage zu beantworten: Nein, dieses Denken ist nicht vergangen. Ich bin nach wie vor von dem, fast transzendent zu nennenden Lebenssinn in der Liebe überzeugt. Was ich vielmehr verloren habe ist die Idee der Anwendbarkeit dieser Idee auf alles Andere und damit dessen Unterordnung.

Ich fasse also zusammen: Du glaubst an die Wahrheit in der Liebe, im Gefühl, in jener Gewalt, bist jedoch vom Absolutheitsanspruch des damit einhergehenden Weltbildes nicht länger überzeugt.

So ist es.

Daher auch dein Bedauern über diesen Verlust. Doch ist das Er- und Bekennen einer Wahrheit ohne die dahinterstehende Idee dieser Wahrheit als letztendlich im Charakter überhaupt möglich?

Jetzt bist du es, der die Wahrheiten nicht auseinanderhalten kann. Liebe ist endgültig, es gibt nichts, keinen tieferen Zweck als die Möglichkeit des Schönen. Doch kein hungerndes Kind kann nur von dieser Liebe satt werden, es braucht, um leben und somit lieben zu können, Lebensmöglichkeiten. Der Rückzug auf eine "Ich liebe" Position, das verneinen aller anderen Notwendigkeiten, das ist der springend-falsche Punkt. Wasser. Brot. Freiheit der Gedanken. Der Anspruch der reinen Liebe, der absoluten Liebe - damit fütterst du keine Münder. "Alles ist Politik" ließ Thomas Mann den Aufklärer Settembrini in seinem "Zauberberg" sagen. Alles ist Politik - auch die Liebe.

Du hast also Bekanntschaft gemacht mit der Erkenntnis, daß die schöne Theorie, der gedankliche Komplex, die Praxis nie als Ganzes fassen kann. Richtig?

So ungefähr. Interessant finde ich es bloß, daß meine "Theorie", mein Bild, welches ich mir von der Welt geschaffen habe, nicht auf rationaler Basis gebaut, sondern vielmehr über das Gefühl an sich definiert war. Ich erkannte früh, daß nicht alles mittels Logik, Ratio und Ruhe zu bewältigen ist. Der Rausch, die Leidenschaft des Lebens - wegen mir auch das dionysische Prinzip - sind Urwurzeln der Menschheit, Kräfte uralten Ursprunges...

Ur-, ur-, ur-...

...die sich nicht mittels ratiogeprägter Spöttelei klein- oder zunichtereden lassen.
Eines ist sicher: Auch wenn kein hungernder oder politisch verfolgter Mensch von einem die-Menschen-Liebenden nur mit Liebe gerettet werden kann - ohne die Liebe würde ihn keiner retten wollen! Ich liebe den Menschen, das Potential des Menschen, den übermenschen, -nicht die elfenbeinturmhafte Liebe als Prinzip am Menschen vorbei. Diese Liebe ist ein Prinzip des Todes.

Interessant. Liebe als Todesprinzip. Warum genau?

Welches Lebewesen ist zur reflektierenden Liebe fähig?

Der Mensch. Aber Fähigkeit ist noch keine Tätigkeit - ability isn’t action.

Doch ohne Fähigkeit, ohne den Stoff, das Material, das Fleisch der Liebe- keine Liebe.
Schau’ dir die Möglichkeiten menschlichen Handelns an: Welche Chancen hat der Einzelne, welche Chancen haben Du und Ich, unser Leben zu leben? Wir können uns dem Rausch hingeben, vielmehr: wir werden uns dem Rausch hingeben müssen, denn er ist die Pulsader des Lebens. Doch sollte es, meiner Meinung nach, ein hingeben und kein hingehen sein. Natürlich ist es irgendwie ästhetisch, den Mensch am Leben lustvoll scheitern zu sehen. Es steckt viel Poesie im Untergang. Doch ist das nicht auch krassester Egoismus, Egozentrik pur, ohne den kleinsten Funken Mitmenschlichkeit?

Ich staune, ich staune. Wer hätte Dionysus solch’ apollinisches Gedankengut zugetraut?

Ich glaube, der bewußte Mensch sollte sich viel eher treiben lassen...

Aha, da wären wir also wieder...

...um das Leben an sich, und sei es auch nur ein Bruchteil davon - es wird kaum mehr werden können - lebenswerter zu machen, es durch die Musik, die Literatur, durch all’ die Ausdrucksformen der Poesie zu beschreiben, zu erkunden und, letztendlich, - auch irgendwie ganz egoistisch - zu erspühren, es zu fühlen. Die Kunst hat die Macht, den Schmerz, der dem Kunstwerk innewohnt, da er auch dem Leben innewohnt, auf unerklärliche Weise heilsam zu machen: indem sie mit ihm spielt, ihn verlacht, ihn betrauert, ihn todernst nimmt, ihn herausschreit, ihn verneint, kurzum: indem sie mit ihm - oder gegen ihn? - arbeitet, vermag sie über den einzelnen hinaus für andere Lebensräume zu schaffen. Der Künstler, welcher nie gesehen, nie gelesen oder gehört wird und dies ob seiner Ideen, ob seines Ausdruckes Willen und Kraft, bedauert, ist den Menschen um ein vielfaches hilfreicher als derjenige, welcher dieses, um sein ach so "wahres" Selbstverständnis als Künstlerexistenz willen, erfreut hinnimmt. Schaffe ich Kunst, so will ich, so muß ich den Menschen helfen - sonst schaffe ich keine. Nur muß ich mir darüber nicht unbedingt bewußt sein - primär hilft der Künstler natürlich sich selbst.

Kafka...
Hat er nicht sein Werk vernichtet sehen wollen? Hat er nicht im Schreiben seine ganz persönliche Flucht vor dem Grauen des Lebens und seinem sensiblen Grausen vor den Menschen gesucht? Und ist es nicht eines der gewaltigsten und kraftvollsten Dinge überhaupt, in seinem Werk zu lesen?

Ist es aber nicht gerade die krasse Entfernung des Menschen vom Menschlichen, die sein Werk so ewig eindrucksvoll wirken läßt? Das Grauen vor dieser Diskrepanz war sein, oder, um Kafka-Experten nicht vor den Kopf zu stoßen, einer seiner Motoren, die ihn zum Schreiben trieben. Daß er seine verunsichernden und jeden Menschen an seiner Wurzel treffenden Analysen und Werke, in Anbetracht seines Todes, verbrennen lassen wollte - ist das ein Hinweis auf seine Freude an der Egozentrik? Ist dies selbstgefälliges Schwelgen in ach so poetischen Elfenbeintürmen?

Nein, das nicht. Und doch ist es Grauen vor dem Menschen an sich.

Ja, und? Ich glaube du vertauschst hier etwas leichtfertig Grauen mit verachtendem Ekel. Es ist nicht Verachtung, welche Kafka dem allzu-menschlichen, alltäglichen Sündenfall entgebenbrachte- er reagierte mit der Feinheit eines Hochsensiblen, er registrierte mit dem, ihm und seinem Werk immanenten Anspruch der Humanität die grauenvolle Realität des menschgemachten Leidens und Verreckens und gab hiervon in seinen Werken ein eindrucksvolles, ein ewiges Zeugnis. Und da willst du ihm nun Menschenferne vorwerfen?

Ich habe mich nur auf deine Definition von Künstler bezogen. Kafka ertrug sein eigenes Werk nicht mehr und war den Menschen dennoch hilfreicher als du und ich es jemals zusammen werden können.

Doch aber auch nur aufgrund des äußerst glücklichen Umstandes, daß sein treuer Freund Max Brod seinen letzten Willen, "Verbrenne alles!", nicht in die Tat umsetzte. Im anderen Fall wäre uns heute sein Vater, Hermann Kafka, der Geschäftsmann, wohl noch eher ein Begriff als Franz Kafka.

Du hast Recht. Eigentlich direkt unheimlich - diese Notwendigkeit der öffentlichkeit ist wohl das, was Nietzsche mit seiner Aussage vom "Kampf der Ideen" implizit ausdrücken wollte. Willst du schaffen, willst du also helfen, verändern, bewegen, erhalten - dann mußt du primär erreichen!

Ich glaube, wir sind hier bei einer Quelle von viel Leid und Komik angelangt. Es gibt so viele Beispiele des puren Zufalls, der glücklichen Entdeckung und Fortpflanzung, Kafka und Bach sind nur zwei der (mir) bekannten. Wievieles ist verloren, wievieles auf ewig gestorben? Wievieles stirbt, gerade in diesem Moment?
Um auf "Kampf der Ideen" noch etwas näher einzugehen:
Nietzsches Sprache war - natürlich - nicht die unsere, er war sich nicht bewußt, in welchem Maße Sprache, wenn sie so höchstallgemein gehalten wird wie z.B. in seinem Zarathustra, subjektiv rezipiert werden kann. "Er war den Deutschen ein großer Philosoph, wäre er ihnen doch nur ein besserer Pädagog’ gewesen", so (oder so ähnlich) hat Thomas Mann diese Problematik ausgedrückt. "Viel zu viele" meinen ihn zu verstehen und nichts ist mir suspekter als ein Nichts-als-Nietzsche-Enthusiast, denn er kann alles sein. Den Gedanken der Liebe unter den Menschen und somit den Gedanken des für- und nicht gegen-die-Menschen-für-sich-Schaffenden setzte er voraus: In dem Kapitel "Vom Vorübergehen" des dritten Teiles seines "Zarathustra" wird der Lehrer Zarathustra vor einer größeren Stadt von einem "schäumenden Narr" angerufen, welcher ihn ob dieser Stadt warnt - sie sei böse, klein im Geiste, Geld würde regieren und kein, aber auch kein größeres Gefühl könne in dieser Stadt überleben - und fordert ihn auf, diese Stadt nicht zu betreten, da ihre Menschen seiner nicht wert seien. Kurzum, dieser "Narr" warnt den Lehrer mit Eifer ganz in dem - vermeintlichen - Sinne Zarathustras vor den Menschen, da diese den elitären Thesen des Lehrenden von der Reinheit des Geisteskampfes nicht genügen, ja, da diese Menschen schlichtweg zu blöde und stumpfsinnig seien und nach nichts Höherem strebten. Und er eifert nicht ohne Grund: hatte doch Zarathustra oftmals den, nach Höherem Strebenden, vor den Fliegen des Marktes und der Eifersucht der Viel-zu-Vielen gewarnt und ihm angeraten, die Menschen zu verlassen, in die Einsamkeit des Waldes zu gehen, sich ihnen nicht auszusetzen. Dies im Sinne eifert nun der Narr gegen die Menschen. Doch er begeht einen gravierenden Fehler bei der Interpretation der Lehren Zarathustras: er wechselt die Perspektive, er wechselt - und das ist der eigentliche Fehler - den Adressaten. Von dem Schaffenden, welcher sich durch die Eifersucht und den Unverstand der Masse bedrängt sieht, wechselt er hin zu einem direkten Ansprechen dieser Massen und verachtet sie, spricht sein vernichtendes Urteil. Auf den ersten Blick mag das kaum gravierend sein - spricht er doch eigentlich nur das aus, was auch Zarathustra sprach. Doch blickt man auf die Wirkung, so wird deutlich, daß Zarathustras Lehre helfender, heilender und versöhnender Natur war - er, der das Geistige so sehr verehrt, will es dem Schaffenden ermöglichen, weiter zu leben und eben nicht, wie der Narr, durch die Erkenntnis der Existenz von Viel-zu-Vielen, die Liebe zum Mensch als Potential unmöglich zu machen. Denn dies ist des Narren Narrheit: Er liebt nicht den Mensch, er liebt den Geist bzw. das Geistige als reines und höheres Prinzip - und glaubt doch nicht mehr, um in Nietzsches Terminologie zu bleiben, an die Möglichkeit des übermenschen im Menschen, also an den Menschen an sich.
Und so antwortet Zarathustra:

ZITAT

"Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, - warum warntest du dich nicht selber? Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe!"

Und weiter unten:

ZITAT

"Und wenn Zarathustra’s Wort sogar hundert Mal Recht hätte: du würdest mit meinem Wort immer - Unrecht thun!"

Dieses Kapitel war es auch, welches mich mit so manchem Schmerzendem bei Nietzsche versöhnte und im übrigen denke ich, muß man die Worte von Thomas Mann in Betracht ziehen, will man Nietzsche richtig verstehen:

ZITAT

"Seine Lehre aber war ein trunken-romantisches Poem, bei dessen Schöpfung er nie einer überlegung darüber Raum gegeben hat, wie seine Gedanken sich in politischer Verwirklichung ausnehmen würden." (T.M., Denken und Leben, 1941)

"Den Gedanken der Liebe unter den Menschen und somit den Gedanken des, für die Menschen Schaffenden, setzte er voraus"... Meine Fresse. Engst du ein. Du beschneidest kreatives Potential, indem du so normierst, ist dir das klar? Ist deiner Meinung nach "der Künstler" definierbar? Liebt jeder "Künstler" die Menschen? Nichts führt in der Welt zu größerer Ignoranz als die Angleichung an "die Norm". Denk’ doch an den Einzelnen. Was empfindet der Fühlende bei solcherlei Aussagen, bei der Definition von solchen "Wahrheiten"? Muß er sich nicht fragen: "Bin ich das? Lebe ich entsprechend?" Und, wenn er sich dieses fragen muß - ist das gar positiv?

Wahrheit. Wahrheit. Das wohl blutbeschmierteste Wort in der Geschichte des Großhirnes.
Kein Mensch muß.
Jeder Mensch muß wollen, jeder Mensch will.
Wenn ich von Künstlern rede, die - per definition - das Menschliche im Menschen, den Weg zum übermenschen, das Tao, immer wieder neu erfinden, erschaffen, so ist das keine Aussage über das Wie. Nichts lächerlicher als dieser Vorwurf. Wie der einzelne schaffende Mensch die Menschen, alle Menschen, keinen Menschen liebt - als ob ich das bestimmen könnte! Wenn ich eine Unterscheidung zwischen der Nützlichkeit eines Künstlers, der die Einsamkeit "ob seiner Ideen, ob seines Ausdruckes Willen und Kraft, bedauert" und einem, "welcher dieses, um sein ach so "wahres" Selbstverständnis als Künstlerexistenz willen, erfreut hinnimmt" treffe, so rede ich mit Blick auf das Leben. Das Geistes-Ganze, der Weltgeist, das, was in jedem Gedicht leuchtet, wenn du es so haben willst, hat nichts von einem ausschließlich in seinem Innersten Verlorenen. Er hilft niemandem außer sich selbst, und auch das ist zweifelhaft. Weiß man doch, wie die Dinge geboren werden:
Unter Leid, Blut und Schmerzen.
Ich weiß, daß das wehtut. Ich weiß auch, daß man vorzüglich Sophisterei in dieser Sache betreiben kann. Es gibt Ansichten, gut formulierte Ansichten im übrigen, die die Verständigung, welche ja die Basis einer jeden Liebe zwischen Menschen darstellt - und somit den Antrieb des Menschlichen -, als komplexe Lüge darstellen. Es gäbe demnach die schlichte Möglichkeit, sich in einem Zustand des - evtl. unbewußten - Selbstbelügens über die Unmöglichkeit der sprachlichen Verständigung, die Nichtexistenz jedweder Beziehung, jedweden Verstehens der Menschen untereinander, hinwegzutäuschen. Dieses Hinwegtäuschen begründet sich
1. in der Unmöglichkeit, sich verständlich zu machen, Verständigung herzustellen, und
2. In der Nichtexistenz der "wahren" - vielleicht der ewigen - Liebe.
Man kann es ja nachvollziehen. Verständigung, der Moment, in dem ein Anderer mich wirklich versteht - nun, diese Momente sind einmalig, rar, in jedem Leben die höchsten, schönsten Momente. Doch viel zu oft aber eben nicht existent. Viel zu oft im Angesicht des einander-nicht-verstehens demonstrativ absent. Und Liebe-
nun, keine Liebe hält ewig. Der Gedanke daran ist lächerlich, da der Mensch nun einmal nicht ewig lebt. Doch liegt hier bloß eine kleine Verwechslung vor, ein Mißverständnis, ein Fehler, welcher bei dem Entdecken seiner Falschheit so manchen in die Sophisterei zu treiben in der Lage ist. Denn falsch liegt, wer sich die Liebe in Ewigkeit herbeiträumt. Im Gegensatz dazu liegt richtig, liebt richtig, wer die Ewigkeit in der Liebe erkennt. Das ist überzeugung, Es erfordert Glaube, da man keinen Beweis liefern kann. Doch kann ich mir einfach nicht vorstellen, will es mir zudem nicht vorstellen, daß das, was aus dem schmalen, feuchten Mund deines Gegenübers, deiner Liebe, unter Tränen wie ein Stromschlag in dein Gehirn fährt, was dein Innerstes herausreißt und sich als geteiltes, beidseitiges, vielseitiges Innerstes zu erkennen gibt, was gemeinsame Wahrheit ausspricht, nicht so existieren soll, wie ich es wahrnehme und erfühle. Es ist selten, sehr selten, Vielen nie erschienen. Und doch, - trotzdem -, weißt du es, fühlst es in diesem Moment. Dieser Moment ist nicht zu definierender Art, ist Tao. Er kann dir bei dem Lesen eines Buches, beim Betrachten eines Theaterstückes, beim Reden mit einer Person, beim Sex, beim über-die Haare-streicheln, beim Betrachten eines Filmes, bei jedem Kontakt mit einem Kunstwerk das dich berührt, beim Lächeln eines Kindes, kurz: bei allen Arten der Kontaktaufnahme mit dem Geist des Anderen widerfahren. Und in gleichem Maße, in dem du das tagtägliche aneinander vorbeileben fühlst, in gleichem Maße, in dem du die Menschen sich gegenseitig auslachen, nicht-verstehen, vergewaltigen und abschlachten siehst, siehst du in diesen Momenten, ich weiß nicht, wie es sonst benennen:
das Licht.

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Trotzdem (1996)

Kann man das erlebte Schöne vergessen?
Kann man es verdrängen, es überspielen und durch das Überspielen des Schmerzes, nach dem Ende des Schönen,
sozusagen trotzdem,
leben?
Die Gewalt vergangener Momente
einrücken
in das klassifizierende Erinnern?
Man kann nicht klassifizieren.
Die Aura eines als
schön
empfundenen Momentes ist in der Erinnerung nicht greifbar, das Jetzt ist die einzige, die definitiv einzige Möglichkeit zu leben,-
und somit zu erleben.

Nicht erlebte
nicht lebende Bilder
sind Querverweise unseres Gehirnes,
auf die Trauer der Vergänglichkeit
denn das Leben ist aus ihnen gewichen.
Also gibt es kein Vergessen, Verdrängen oder Überspielen von schmerzhaft Schönem.
Es gibt nur die Möglichkeit der Poesie
manifestiert in einem Wort:
Trotzdem.

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Leben (1997)

Tage wie der heutige vergehen schnell.
Laut- und bedeutungslos verpuffen sie -
und mit ihnen mein heiligstes Selbst, der letzte Wert -
ich verlache mich höhnend.
Zynisch ist das falsche Wort, zuviel Substanz klebt ihm noch bei.
Dumpf-dröhnend werde ich in das
Hier
gezogen, passiv akzeptiere ich das schleichende Verfaulen meines Geistes.
Es gibt keine Schönheit
wie es auch keine Unschuld mehr gibt.
Die Transzendenz ist eines chemischen Tricks überführt
und keiner -
keiner der mich halten könnte,
denn wenn die letzte Flucht unmöglich wird
und mit ihr das Ziel, der Weg, gestorben ist,
so werde ich leben
ohne Leben.

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Poesie


"Was ist die Jugend? - Ein Traum. 
Und die Liebe? - Der Inhalt des Traumes." (S. Kierkegaard)

Peter Pans Praune Plörre Für Dorothea Dorothea Vom Sterben des Schönen Der Letzte Ohne Titel Blankenberge Meine Angst Abschied Mahnung an ein Genie Ahnung Für Verena Langeneß (Sehnsucht) Böse Worte 1 Böse Worte 2 Unsere Liebe Mein Gott Le soleil est près de moi Lebenswunsch Unwichtiges

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Peter Pans Praune Plörre. Eine Studienabbruchsmelodei (2006)

Butzen Bobeln Bestenliste
Stutzen Strunzen Scheissgefühl
Eiter Ekel Edeka

Kämmen Keimen Kotzenkönnen
willig wässrig wohlbedacht
denken denken denkenmögen

an Dich nur nackt
und auch nur nachts.

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Für Dorothea (1998)

Tanzend jauchzt die Zerstörung meiner Welt heran.
Reden, Ideen, Worte, Ideale
Überzeugungen-
Wunschgedanken allesamt
denn niemand kennt das Morgen.
Farblos bunt, grausam zärtlich, Disziplin des Chaos-
endloser Schmerz
im Bewußtsein des Glückes.

Laß' uns die Augen schließen.
Ich nehme deine Hand
und wir tanzen, blutigen Fußes, blind, verzweifelt, liebend,
bis zum Abgrund:
dem Verstummen unserer Musik
für alle Zeit.

Ich liebe Dich.

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Dorothea (1998)

Spürst Du nicht auch
Sehnsucht
nach dem endgültig Verlorenen?
Was ist passiert?
Was ist mit uns passiert?
Wie konnte es jemals dazu kommen?
Fragen verlieren ihren Sinn
wenn keiner mehr da ist, um zu antworten.
Gedichte verlieren ihren Schmerz
Poesie ihre Kraft
Bilder ihre Farben
Menschen ihre Liebe.
Es gibt nur einen Satz
der die Eigenschaft hat, nie wahr zu sein
bis zu dem Tage
an dem er zur letzten Wahrheit wird:
Liebe ist tot.
Meine Liebe ist tot,
gestorben durch mich und dich,
gestorben in mir so wie in Dir
und alle Fragen, Antworten, Bestrebungen, Wünsche
fragen nur das Eine,
fragen nur nach Dir.
Wo bist Du?
Wo ist deine Wärme, dein Verstehen?
Ich sehe nichts mehr, fühle nichts mehr.

Die Welt ist kalt ohne Dich.

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Vom Sterben des Schönen (1997)

Zuviele haben geweint.
Zuviele Leid erfahren.
Zuviele Worte um kleine Taten
ließen die Wahren sterben,
ließen sie eingehen, veröden
angesichts ihrer schreienden überflüssigkeit.

Bücher werden verfilmt
und dann geschrieben.
"Geld wird Kaiser sein"
"Keine Macht für Niemand"

Kein Halt für Versinkende.

Keine Ausflüchte!
Kein Versteck, da die Jagd entfiel.
Wozu auch.

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Der Letzte (1997)

ohnmächtig erkennt der Fühlende:
das Sterben des Schönen
ist vollendet.
Neonfahles Lichtzucken
bewegt die Masse
im Rausch des Alltags zu verfaulen.

ohnmächtig erkennt der Fühlende:
sein Schicksal ist unmöglich geworden.
keine Trauer, keinen Schmerz.
keine Träne.
Leere, tiefe endlose Leere.
"Alles stirbt irgendwann."

Sich nicht bewegend liegt der Fühlende
in absoluter Stille.
Ausgeweinte, totgeweinte Augen
starren an weiße Wände.
Nur er.
- Lächeln -
Allein.
Er wird alleine gehen.
Wer sollte ihn halten?

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Ohne Titel (1996)

Wenn ich einst gehe
wenn ich einst gehe-
Was verlange ich?
Zurückblicken können?
Den faden Geschmack falscher Bilder kosten
um das Jetzt erträglich zu machen?
Betrauert werden?
Betrauert werden nur die Reichsten.
Ich aber bin arm und schlecht.
Gelebt haben?
Zufriedenheit? Ist mir ein zu ölig-satter Zustand
als das ich ihn je erreichte.

So vergehe wunschlos!
Verschwinde!
Verschwende keine Eitelkeit!

Nur eines
mag mir dennoch gestattet sein.
Der ehrliche Wunsch
zu lachen,
lauthals zu lachen,-
wenn ich einst gehe.

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Blankenberge (1998)

wolkenlos und tiefbesternt
hängt ein Himmel in der Nacht.
Sich kaum kennend weit entfernt
's ist der gleiche, der über uns wacht

Vergang'nes liegt in ihm verborgen
Sehnsucht als des Menschen Thron
wenn wir, wartend auf den Morgen,
lauschen auf der Ratio Hohn.

Bis der Morgen kommt geflutet
hell und rot sein Angesicht.
Bloß die Nacht in ihrer Wärme
ist heißer als das Tageslicht.

Denn bunt-belanglos ist der Tag
schwarz-dunkel wissend dagegen die Nacht.
Poesie nennt hier das Leben
was die Liebe dort entfacht.

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Meine Angst (1996)

Alles was ich will
ist leicht, leicht, leicht.
Alles was ich fühle
ist seicht,
so seicht,
so seicht.
Wer, Wann Wo,
Warum,- das ist doch dumm!
Marktforschungsanalyse
Wir biegen jeden krumm.
Und wagt er es zu schreien,
-"gar Wahnsinn propagieren!"-
so soll er haben,
was er will:

Uns, die wir ihn lieben.

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Abschied (1997)

Heute, Gestern, übermorgen
leuchtendweiß und abgepackt
Heute alle ohne Sorgen
Morgen alle blöd und tot.

Heute alles einfach machen
Konstanten finden, alt und gut
Heute neue Grenzen setzen:
"Morgen ist des Leibes Not"

Frieden, Freiheit, Fröhlichkeit
sind der Guten Unterpfand.
"Sollten Sie dies' Ding nicht kaufen?
Kein Glück auf Erden sucht der Mann!"

So lauf dahin in deinem Taumel
verliere nie den Sinn zum Zweck
"Und sollten Sie nach Höchstem streben,
ich hätt' noch dies und dies und --"

weg.

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Mahnung an ein Genie (1997)

Mein Gott was bist Du eitel in deinem Wahn.
Dünkst Dich reiner, gar dadurch feiner
als der dumme Mann.
Verachtest
in Deiner drückenden Wut all das Leben
um Dich.

Mein Gott was bist du falsch in deinem Wahn.
Wie höhnst Du denen Dumpfheit,
welche dumpf,
und nennst das klar?
Wenn Du lachen nicht gelernt,
tanzen nie gefühlt,
Liebe nie gemacht
und reden nicht mehr kannst
so gehe fort von dieser Welt
und lerne leben.

Dann erst
wenn die letzte Wut
der letzte Schmerz, die letzte Träne
noch aus der Liebe kommt;
dann erst
will ich Verachtung Mut,
Schreien Wissen
und Tränen Wahrheit heißen.
Dann erst
kannst Du werden
wer Du bist.

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Ahnung (1997)

siehst Du es?
bemerkst Du es?
fühlst Du
die Türen schließen sich stündlich.
Möglichkeiten, farbig bis in letzte Fasern
verblassen
verwehen
im Wind des Augenblicks.
Das Dort
bleibt ein Bild. Ein ersehntes, reines Gefühl des Schmerzes
bleibt begraben
hinter grauschleiernen Wänden aus Alltag und Gewöhnung.
Und noch grausamer als der Verlust
ist die Schmerzlosigkeit des Vergessens
welche ihre Aufgabe fleißig erledigt
bis zur letzten Schädelstätte.

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Für Verena (1998)

Ich wollte Dir ein Gedicht schreiben.
Eines, das von den Blitzen am Fenster,
dem Regen der Nacht,
der Berührung der Gegensätzlichen weiß.
Eines, das frei von Erklärungsversuchen,
frei von Gründen,
frei von Logik das Wahre wiedergeben kann.
Eines, das uns hilft zu verstehen,
wieso
warum
"Auch gerade diese Zwei"
einander so tief in die Augen sahen
das sie dort etwas fanden.
Zu klein noch für das große Wort
Unendlich zu groß für das Schweigen
bleibt die Zeit.
Zeit, abzuwarten.
Zeit sich zu wundern.
Zeit die Poesie des Lebens zu ehren.
Und immer:
Die Zeit zu träumen.
Ein solches Gedicht wollte ich Dir schreiben.

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Langeneß 1 (Sehnsucht) (1998)

Das Fenster -
Weißt Du noch, das Fenster?
Unser Bett, ein Hochbett,
zwei Betten eigentlich,
genutzt wurde
eines;
eines für zwei.

Es war schon dunkel als wir uns legten.
Geschlafen habe ich nicht.
Gespürt und berührt habe ich Dich,
Deine Wärme gefühlt
bis der Morgen dämmerte.
Das Licht dieses Morgens werde ich nie vergessen.
Du warst die Farbe dieses Lichtes.

Weißt Du noch?
"Dominique Fournell, das würde passen!"
Wie wurde mir heiß bei diesem Satz
auf dem Bahnhof, wartend,
ich rückte meine Tasche in die Nähe der Deinen.
Du hattest mich gefangen, in Ketten gelegt,
und ich hätte jeden Befreiungsversuch bekämpft,
denn ich konnte neben Dir sitzen.

Weißt Du noch?
Unser Aufbleiben ?
Das sich auf den obersten Betten des Schlafwagenabteiles die-Füße-massieren,
das Nebeneinander, rauchend, schweigend, schwelgend,
in deinen Augen, groß vor Neuigkeit und tief vor der Hitze der Nacht,-

Das Rattern des Zuges
in deinem offenen Haar
hat mir in der Schwüle dieser Nacht
von der Liebe erzählt
ohne ein Wort zu sagen.

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Böse Worte 1 (1996)

Bei der intensiven
Beobachtung
des bunten Bildersturmes
wurde mir klar; daß ich,
kotzend,
diese Welt nicht mehr verlassen kann,
ohne verstanden zu werden.
Die Träume sind
im überfluß existent, ja:
Sehnsucht light, abgepackt und
nach Venedig gefahren, den
Mond
begrabschen
ist entweder in oder out.
Nur eines ist nicht, nicht mehr.
Dafür sind SIE nun -
das Zeitalter
der überflüssigen Information
ist die Zeit
des letzten Menschen
und seiner alles-verstehenden Macht.

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Böse Worte 2 (1996)

Uniformität
lacht ihr Plastiklachen
aus "Liebe" und "Gefühl"
Erfolg und Versagen - überwunden -
und nimmt mir meine Worte,
nimmt mir meine Unschuld,
nimmt mir meiner Tiefe Chaos
plastifiziertes Lachen, verklebend -
Schrei der Gewalt der Masse:
Hämmerst jeden
zu Entfaltung IN DIR, DURCH DICH;
DU übernimmst uns alle.
Plakatierst deine Unzulänglichkeit
und lädst ein
zum freundlichen Wettbewerb und Diskurs
ohne die Idee von Verlust zu kennen.
Ohne Verzicht zu kennen.
Doch deine Zeit
sie geht, sie geht
mit dem Menschlichen
das du verlachst.

Am Tage deines Todes
werde ich weinen
um die Großen
welche in Dir
verfaulten.

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Unsere Liebe (1998)

So nun sprich
Der du etwas zu sagen hast.
Ruf es heraus-
Verarbeite!
Veröffentliche!
Vermarkte!
So daß wir endlich in der Lage sind
auch dich zu nehmen
mit unserer fürsorglichen,
bewundernden, ja ehrenden

Liebe.

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Mein Gott (1999)

Nur gesehen hab' ich dich
angesehen, staunend bewundert;
Was für eine Macht-
Was für eine Kraft-
du lebst, lachst
du gibst
ohne zu wissen.
Deine Augen, dein Lachen, deine Zuversicht
erweckt
ermöglicht
erneuert meine Liebe.
Deine Jugend? Unschuld?
Vergänglich.
Deine Freundlichkeit
dein Vertrauen in mein scheues Lächeln
das du so frei und 
selbst-verständlich erwiderst?
Ungezeichnet, ungeprägt
"noch unerfahren", vom Leben nicht ernüchtert,
schaffst du, schenkst du Leben.

Du bist Gott, Jesus,
und sie werden dich kreuzigen
weil du noch lächeln kannst.

Ich liebe dich dafür.

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Le soleil est près de moi (2000)

Lächelnd zieht die Welt vorbei.
Lächelnd stehst du mit geschlossenen Augen
atmend, strebend, fühlend,
du weißt um die unerklärliche Freundschaft der Sonne.

Lächelnd zieht die Welt vorbei.
Still liegst du im Gras, die Hand auf der Erde
streichelnd, grabend, fühlend,
du weißt um deine Schuld, um ihr Leiden
und um ihre lächelnde Vergebung.

Lächelnd zieht die Welt vorbei.
Du rennst, lachend, blind, weinend vor Glück
immer ohne das Morgen zu kennen
immer ohne Angst.
Im Bewußtsein deiner alten Freundin
bist du ein Punkt
von dem sie sagen wird:
"Schaut seine Schönheit."

Du weißt es.

Du lebst.

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Lebenswunsch (2001)

Ich
will
ohne
Götter
leben.

Jedes
Licht
ohne
Brille
sehen.

Jeden
Fehler
selbst
begehen.

Jeden
Schmerz
ohne
Sedierung
tragen.

Jedes
Lächeln
als
von mir kommend
wissen.

Und am Ende
lachen
wie einfach es doch war
Mensch
zu sein.

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Unwichtiges (2001)

Das darf doch nicht, kann doch nicht wahr sein.

Ich, kann nicht reden, kann nicht stammeln, kann nicht lange 

in ihrer Nähe

sein.

Bin doch, ablaufend, verrinnend, verlebend

unfähig

sie in mich einzuweihen. 

Wenn Sie tanzt
sehe ich ferne, alte Geschichten
Gesichter voller Glut

unter der dicker, zäher werdenden Asche. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Die Hoffnung macht einen sterben. 

Ist's doch nichts, garnichts,

von dem sich's zu reden lohnen würd':

Ein unglücklicher Junge mehr auf der Welt.

 

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